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Fahrstuhlmusik 2.0

Die Installation "Fahrstuhlmusik 2.0" wurde im Sommer 2008 in Kollaboration mit weiteren damaligen Kommilitonen erstmals im Fahrstuhl der Hochschule für Musik Karlsruhe realisiert. Ein Jahr später präsentierte ich eine komplett überarbeitete Version auf der ton:art Expo 2009.

Die Idee der Installation basiert auf der Umdeutung des Begriffs "Fahrstuhlmusik", die dem Nutzer des Aufzugs eine Möglichkeit der Beeinflussung seiner akustischen Umgebung bieten soll, ohne dabei einer statischen Dauerberieselung ausgesetzt zu sein. Auch das musikalische Ergebnis hat keine Gemeinsamkeiten mit dem Easy Listening, das sonst üblicherweise als Fahrstuhlmusik benutzt wird.

Für die technische Realisierung wurde mithilfe von Max/MSP und Jitter ein System entwickelt, das mithilfe einer automatischen Stockwerkserkennung des Aufzugs unterschiedliche Arten der Klangmodulation aktiviert, um somit die in Echtzeit auf- genommenen Gespräche, Geräusche und weiteren Klänge innerhalb des Fahrstuhls immer wieder verändert wiederzugeben.

Klangbeispiel während des Betriebs
(HfM Karlsruhe, 2. Juli 2008)

Stockwerkserkennung

Der Ort der ersten Realisierung stand zu Beginn des Projektes schon fest: Der Fahrstuhl der Hochschule für Musik Karlsruhe im Schloss Gottesaue. Dort gab es aufgrund von Sicherheitsbestimmungen keine Möglichkeit, auf die Elektronik des Fahrstuhls selbst zurückzugreifen, um mögliche Informationen über die aktuelle Position des Fahrstuhls zu bekommen. Aufgrund des schwankenden Luftdrucks im Schacht hätte auch ein Höhenmesser wenig geholfen, um jedes Stockwerk über einen längeren Zeitraum einzeln erkennen zu können. Auch Tests mit einem Beschleunigungssensor führten nicht zu den gewünschten Ergebnissen, das das Beschleunigen und Abbremsen des Fahrstuhls nahezu unmerklich vonstatten geht.

Der letztendlich gewählte Lösungsweg war wahrscheinlich der aufwendigste aller bisher aufzählten Ansätze, brachte aber auch das gewünschte Resultat: Das Bildsignal einer angebrachten Kamera über der Anzeigetafel in der Fahrstuhlkabine lieferte die notwendigen Daten, um mithilfe einer Mustererkennung das aktuelle Stockwerk zu bestimmen.

Farberkennung

Vor der Mustererkennung wurde zunächst eine Farberkennung entwickelt, um aus diesen gewonnenen Daten die gewünschten Muster zu ermitteln. Dafür wurde das Kamerabild in neun kleinere Fenster aufgeteilt, um jedes Segment der Anzeige einzeln erfassen zu können.

Da die Lichtverhältnisse im Aufzug nicht ideal waren und auch aufgrund durch Öffnen und Schließen der Türe schwankten, wurde zur Erleichterung der Analyse die Farbsättigung des Kamerabildes erhöht, um deutlicher das rote Aufleuchten eines jeweiligen Segments zuverlässig zu erfassen. Die Farberkennung selbst wurde mithilfe einer RGB-Analyse und dem Überschreiten eines bestimmten Schwellwerts bewerkstelligt.

Mustererkennung

Mithilfe der durch die Farberkennung gewonnenen Daten können im Programm Bedingungen formuliert werden, wann beispielsweise das erste Obergeschoss erkannt wird. Eine solche Bedingung kann dann ausformuliert folgendermaßen aussehen:

[ if $1==1 && $i2 == 1 && $i3 == 0 && $i4 == 0 then 1 ]

$i1 und $i2 stellen in diesem Beispiel die leuchtenden Segmente der Ziffer 1 beim ersten Obergeschoss dar, $i3 und $i4 stehen für weitere Segmente, die nicht leuchten dürfen. Diese zusätzlichen Bedingungen sind wichtig, da die leuchtenden Segmente aus Ziffer 1 in weiteren Geschossen vorkommen, und somit diese Geschosse auf diese Weise auch ausgeschlossen werden können.

Für die ton:art-Ausstellung 2009 musste die Stockwerkserkennung an die Örtlichkeit angepasst werden, da hier keine Anzeige wie im Schloss Gottesaue vorhanden war. Es bestand jedoch die Möglichkeit, auf das Dach des Fahrstuhls zu steigen und die gesamte Technik nach oben zu verlagern. Hier wurde auch eine vereinfachte Variante der Farb- und Mustererkennung realisiert: Simple Striche im Fahrstuhlschacht markierten das jeweilige Stockwerk und wurden beim Vorbeifahren nach ähnlicher Mustererkennungsmethode wie bereits beschriebenen erkannt.

Audiosteuerung

Zur Aufnahme der akustischen Ereignisse im Fahrstuhl waren dynamische Mikrofone vom Typ Shure SM-57 an der Decke angebracht. Diese waren über ein Audio-Interface (DigiDesign Mbox) an den Rechner angeschlossen. Für die Version im Schloss Gottesaue gab es wegen der Anzahl von insgesamt sechs Stockwerken auch sechs unterschiedliche Effektwege zur Veränderung des Audiosignals. Diese Module waren fest an ein zugewiesenes Stockwerk geknüpft und wurden durch Amplitudensteuerung überblendet.

Die Lautsprecher (GENELEC 1029A) zur Ausgabe des veränderten Signals waren bei der Version im Schloss Gottesaue am hinteren Ende des Aufzugs installiert. Da sich bei diesem Aufbau Mikrofon und Lautsprecher im gleichen winzigen Raum befanden, verzögerte man – um Probleme mit der Rückkoppelung zu vermeiden – das Ausgabesignal um eine Sekunde. Die Effekte basierten auf drei unterschiedlichen Techniken: Tonhöhenveränderung, Flanger und Ringmodulation. Durch die Nutzung unterschiedlicher Parameter konnte jedem der sechs Stockwerke ein charakteristisches Klangbild gegeben werden.

Bei der ton:art Ausstellung kam nur ein Mikrofon zum Einsatz und der Lautsprecher stand auf dem Dach des Aufzugs. Dadurch entstanden neue wahrnehmbare Effekte, da der Klang sich in einem sich verändernden Raum ausbreitete. Aufgrund der offenen Vorder- und Rückwand im Aufzug blieb der indirekte Klang aus dem Schacht gut hörbar.

Vorstellung der Installation durch Daniel Dominguez auf dem Youtube-Kanal von Kavantgarde Karlsruhe während der ton:art Expo 2009.

Letzte Aktualisierung: 28. Februar 2020
Autor: Matthias Schneiderbanger